Servicewüste Deutschland und Schubladendenken

Zugegeben dieses Thema ist mit Sicherheit etwas ungewöhnlich für einen Modeblog. Allerdings wurde es mir vergangene Woche so präsent, dass ich darüber einen Beitrag verfassen musste. Die Idee eines Blogs ist ja, auch wenn dies häufig in Vergessenheit zu geraten scheint, eine Art Tagebuch zu schreiben. All die Dinge, die einen bewegen, einem gefallen und ärgern sollen hier Platz finden. Ich nutze dies heute also, um euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen.

Eine Modebloggerin auf Abwegen

Selbst ich, als Modebloggerin, habe nicht jeden Tag Lust mich mega aufzubrezeln. Ehrlich gesagt überwiegen die Tage, an denen ich am liebsten in gemütlichen Klamotten vor die Tür gehen würde, vor denen, an welchen ich mich schick mache. Für mich bedeutet Modeblogger zu sein aber sowieso nicht per se, dass man jedem Trend hinterherrennen muss. Vielmehr sehe ich mich als eine Art Berichterstatter. Genauso wie ein Nachrichtenjournalist ja auch nicht durch Krisengebiete robbt, sondern im Büro sitzt und darüber berichtet. Dieser kurze Exkurs dient lediglich dem besseren Verständnis, meines nun folgenden „Erlebnisberichts“. 😉

Vergangene Woche war ich in der Stadt, da ich auf der „Suche“ nach diversen Dingen war, die ich unbedingt „brauchte“. Primär ging es um eine neue Sonnenbrille (die brauche ich dringend) und eine gute Augencreme (die brauche ich wirklich, denn meine ist leer und die Falten um die Augen werden nicht weniger). Daher auch die Brille, damit ich nicht zusätzlich in die Sonne blinzeln muss, was noch mehr Falten verursacht. 😉 Und nein, meine anderen 180 Sonnenbrillen reichen dafür nicht aus.

Wie dem auch sei, ging ich also in die Stadt und erdreistete mich, mich hierfür nicht umzuziehen. Ich war davor, wie fast jeden Tag, im Schwimmbad und lies mein Schwimmbadoutfit einfach an. Ehrlich gesagt, habe ich mir nichts dabei gedacht, denn ich trug eine abgeschnittene Jeansshorts von Levis, ein rosa Lingerie Top, Sandalen und eine meiner Korbtaschen.


Scheinbar war das Outfit aber nicht angemessen genug, denn ich erfuhr am eigenen Leib wie oberflächlich unsere Gesellschaft (und mit Sicherheit auch ich selbst) doch ist.

Kann mich bitte jemand bedienen?

Mit Schrecken musste ich feststellen, dass ich in den Geschäften, welche ich betrat, nicht nur von oben bis unten gemustert, sondern auch nicht bedient wurde. Nun muss man dazu sagen, dass ich das öfter erlebe, auch wenn ich mit Designer Tasche und schick gemacht unterwegs bin. So extrem ging es mir allerdings noch nie.

Ich war sehr gewillt viel Geld für eine Sonnenbrille auszugeben, denn wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, kaufe ich es, komme was wolle. Eine Ausnahme bildet hierbei seit vergangener Woche nun jedoch, dass ich nichts mehr kaufe, wenn ich nicht bedient, bzw. überhaupt beachtet werde. Ich sehe es nicht ein, mir die Dinge selbst rauszusuchen, oder Verkäufer erst höflich zu bitten, ihr Gespräch zu beenden. Abgesehen davon, kann ich mir eine Brille auch nicht selbst raussuchen, denn ich sehe oft nicht, was mir steht, aber dazu später mehr.

Völlig frustriert verlies ich also Geschäft, nach Geschäft, ohne irgendetwas zu kaufen. Gleichzeitig begann ich mich selbst zu hinterfragen, ob ich ähnlich reagieren würde. In meiner Welt, sah ich völlig normal aus. Die durchschnittliche Verkäuferin, in einem gewissen Alter, „weiß“ allerdings vielleicht nicht, dass sowohl abgeschnittene Jeansshorts sowie Lingerie Tops heutzutage absolut salonfähig sind und mitunter eine ziemlich stolze Summe kosten. Ehrlich gesagt hatte mein komplettes Outfit an diesem Tag einen Wert von 240,00 Euro. Wohl bemerkt OHNE Schmuck.

Ich kann euch gar nicht sagen, was mich am wütendsten gemacht hat. Der Fakt (mal wieder) nicht bedient zu werden, dass ich von oben bis unten gemustert wurde, oder die Selbstrefelxion, dass ich mich selbst häufig ähnlich verhalte.

Unsere eigenen Schubladen

Ich glaube dass wir, sobald jemand nicht in die Schublade in unserem Kopf passt, sofort dicht machen. Ein Film beginnt zu laufen und wir bilden uns unsere (Vor)- Urteile. Das ist zum einen super hilfreich, denn nur so können wir überleben. Viele Vorurteile bewahrheiten sich ja und basieren auf bereits gemachten Erfahrungen. Ich glaube jedoch, es gibt Bereiche, in welchen man diese immer wieder hinterfragen sollte. Dazu gehört für mich nun mal der Einzelhandel. Gerade heutzutage sieht man jemandem nicht mehr an, ob er Geld hat oder nicht. Und auch wenn man kein Geld hat, hat man das gute Recht, sich umzusehen und Dinge anzuprobieren. Davon lebt der Einzelhandel doch. Ansonsten kann man wirklich alles nur noch Online kaufen.

Unabhängig vom Einzelhandel finde ich es allerdings wirklich erschreckend, wie schnell man sich ein Urteil bildet. Klar, häufig bewahrheitet es sich und es hilft und ja auch Menschen einzuordnen, aber sehr häufig eben auch nicht. Ich denke schon, dass Kleidung der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit ist. Viele Dinge kann man davon ableiten. Viele allerdings auch nicht. Wenn mich beispielsweise jemand nach der Arbeit im Supermarkt an der Kasse sieht, würde er denken, ich sei ein Super-Öko. Wenn es regnet trage ich Regenhose, Regenjacke, eine Käppi und sehe aus, als sei ich ein richtiger Outdoor Mensch. Würde ich die Montur ausziehen käme darunter ein Bürolook zum Vorschein, der Nachmittags gegen einen Gammellook oder nach Möglichkeit einen French Chic getauscht wird…. Was sagt das also aus?

Vermutlich vor allem, dass das Thema ziemlich komplex und vielschichtig ist. Ich glaube man tut gut daran, seine eigenen Schubladen ab und zu zu überdenken. Ebenfalls nicht verkehrt ist es, was ihr ja dank dieses Blogs alle tut, sich regelmäßig über aktuelle Modetrends zu informieren. Dann weiß man nämlich, dass Jeansshorts absolut en vogue sind. 😉

Ende gut alles gut

Nach zwei Stunden verzweifelter Suche wurde ich dann endlich fündig. Bei Fielmann (dieser Beitrag ist nicht bezahlt) 😉 traf ich auf eine super, nette und sehr kompetente Verkäuferin. Sie trug Birkenstocks, ein weiteres modisches Teil, welches mittlerweile aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist und beriet mich hervorragend. Am Ende war ich dann so frustriert und wollte einfach irgendwas kaufen, dass sie mich noch nicht mal von einem Fehlkauf abhalten konnte. Obwohl sie immer wieder betonte, dass mir die Brille meiner Begierde nicht steht, musste ich sie dennoch kaufen… Mittlerweile habe ich sie zurückgegeben…Ganz toll, Neele…

Ich war am Ende dieses Nachmittags ehrlich gesagt etwas „aufgewühlt“. Einerseits war ich super sauer, dass ich nicht bedient wurde und dann am Ende, trotz guter Beratung, auch noch einen Fehlkauf getätigt hatte. Andererseits war ich auch ziemlich zufrieden. Zum einen habe ich durch diese Aktion mal wieder gemerkt, dass man echt aufpassen sollte, wenn sich wieder irgendwelche Vorurteile und Lästergewohnheiten einschleichen. Zum anderen habe ich bei der krampfhaften Suche nach einer Sonnenbrille bemerkt, dass ich eigentlich schon jedes Modell habe, welches ich „brauche“. Vielleicht sollte man sich einfach mit weniger zufrieden zu geben, statt immer Neuem hinterher zu jagen.

Wenn es diesen Nachmittag gebraucht hat, damit mir diese Dinge (mal wieder) bewusst werden, war er wenigstens für irgendetwas gut…

 

  • Kommentare ( 4 )

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    Sandra

    Danke für den Beitrag 🙂 Der Kunde ist immer (!) König und sollte, egal wie er aussieht, freundlich und zuvorkommend bedient werden. So ein Verhalten geht gar nicht. Sieht man ja auch oft z.B. in Läden wie Douglas. Fakt ist, dass Leute die meistens extrem viel besitzen eher auf Understatetment machen um ihre Ruhe zu haben. Und heutzutage ist die Mode so designt, dass man selbst im Pennerlook noch Fummel für mehrere tausend Euro am Leib haben kann 😀 Es ist doch erstaunlich, dass in der Servicewüste Deutschland diese Tatsache viele Leute im Einzelhandel nicht zu schnallen scheinen. Mich regt diese Tatsache schon seit langem hierzulande auf und es wundert mich, dass sich in Zeiten von Online Shops so ein Verhalten im pysischen Verkauf noch geleistet wird. In den Staaten z.B. ist mir so etwas noch nie passiert, denn die Amis sind viel mehr auf Selling gebrieft 😀 Was für eine erstaunliche Tatsache, denn wozu stehen die Leute eigentlich im Laden? Das Thema der Vorurteile sollte in diesen Bereichen des Lebens echt nichts zu suchen haben, schliesslich leben die Leute in den Geschäften von Kunden. Das ist ein typisches Beispiel für die Kleinkariertheit und Voreingenommenheit der Deutschen. Umso erschreckender, dass insbesondere junge Leute im Einzelhandel sich auch schon so verhalten. Ich würde im Fall der Fälle mich immer vor Ort beschweren oder den Laden nie wieder betreten. Ersteres ist wahrscheinlich effizienter wenn es um den Wunsch einer Verhaltenänderung geht.

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      Neele Hofmann

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!!! Schön, dass ich nicht alleine bin 😉 Ja, bei Douglas ist es auch oft ganz schlimm…. Es ist echt unfassbar, dass so viele Verkäufer allem Anschein nach, echt null Bock auf ihren Job haben. Man würde doch sooo viel mehr kaufen, wenn man gut beraten und nett behandelt würde. In den USA ist das wirklich ein riesen Unterschied, da hast du recht. Da traut man sich dann eher nicht nix zu kaufen, weil alle so übertrieben freundlich sind. Ist mir aber allemal lieber, als ignoriert zu werden… Mal sehen, ob sich das noch irgendwann ändert. Ganz liebe Grüße, Neele

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    Marieke

    Hallo Neele, vielleicht hatte das Ganze weniger mit deinem Outfit zu tun, sondern ist eher ein Freiburg-Ding, das mit der Service-Wüste?
    Ich werde auch öfter in Freiburger Geschäften komplett ignoriert, ganz unabhängig davon, wie sorgfältig ich gekleidet bin.
    Besonders eklatant ist mir das bislang bei Kaiser aufgefallen, wo sich Verkäuferinnen z.T. wegdrehten, wenn sie mich die Verkaufsfläche betreten sahen.
    Ich bin grundsätzlich jemand, der in Geschäften lieber in Ruhe stöbert, aber wenn von der Verkäuferin noch nicht mal ein Gruß in meine Richtung kommt, finde ich das sehr schwach.

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      Neele Hofmann

      Oh je… Das kann natürlich sein. 🙁 Leider ist mir das wie gesagt auch schon häufig passiert, wenn ich mit Designer Tasche und sehr ordentlich gekleidet unterwegs war… Freiburg ist schon extrem, da hast du völlig Recht. Nicht mal gegrüßt zu werden ist ja in vielen Geschäften an der Tagesordnung. Ich verstehe das nur überhaupt nicht. Wie kann man sich so verhalten? Man ist bereit in einem Laden viel Geld liegen zu lassen, aber scheinbar haben viele Geschäfte gar kein Interesse daran?! Ich gehe wie gesagt mehr und mehr dazu über Online oder in anderen Städten zu shoppen… Schade, aber leider die einzige Lösung. Ganz liebe Grüße, Neele

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